• Dr. Christian Scharpf

Fritz-Böhm-Preis

Laudatio Fritz-Böhm-Preis 2020 für das Kunstzentrum Besondere Menschen


Meine sehr geehrten Damen und Herren,


am morgigen 22. Februar hätte Fritz Böhm seinen 100. Geburtstag gefeiert. Er erblickte 1920 in Jägerndorf, dem heutigen Krnov, im Sudetenland das Licht der Welt.

Nach dem Besuch der Volksschule absolvierte er eine kaufmännische Lehre und arbeitete anschließend als Angestellter in der Textilbranche.


Von 1940 bis 1945 nahm er als Infanteriesoldat am Zweiten Weltkrieg teil und geriet bei Kriegsende in sowjetische Gefangenschaft, aus der er 1950 entlassen wurde.

Nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft siedelte Fritz Böhm als Heimatvertriebener in die Bundesrepublik über, ließ sich in Ingolstadt nieder und war seit 1950 als Lagerarbeiter bei der Auto Union GmbH tätig mit damals 77 Pfennig Stundenlohn. Er engagierte sich von Anfang an für die Belange der Arbeitnehmer. Bereits 1951 wurde er in den Betriebsrat gewählt und sogleich dessen Vorsitzender. Ein Amt, das er 35 Jahre inne haben sollte; beispiellos in der deutschen Automobilindustrie.


Fritz Böhm war und ist ein Stück Unternehmensgeschichte von Audi.

So vertrat er während des harten dreiwöchigen Streiks von 1954 erfolgreich die Interessen der Belegschaft. 1958, als die Auto Union durch Daimler Benz übernommen wurde, konnte er eine Bürgschaft des Freistaats Bayern vermitteln, um die Automobilproduktion in Ingolstadt zu halten. Und auch als 1965 die Auto Union von VW übernommen worden war, hatte Böhm in der Folge maßgeblichen Anteil am Erhalt von Audi und seiner Arbeitsplätze in Ingolstadt.


Fritz Böhm war aber nicht nur Audi-Betriebsratschef.

Er war für die SPD Mitglied des Stadtrats der Stadt Ingolstadt. Von 1958 bis 1965 war er Mitglied des Bayerischen Landtages. Und von 1965 bis 1972 gehörte er dem Deutschen Bundestag an, wo er sich mit Zähigkeit und Ausdauer beim Kampf um Verbesserungen um die betriebliche Mitbestimmung verdient gemacht hat. Man kann ihn mit Fug und Recht als einen der Väter des Betriebsverfassungsgesetzes von 1972 bezeichnen.

Im Jahr 2000 wurde ihm die Ehrenbürgerwürde der Stadt Ingolstadt verliehen.

Ein beispielloser Lebensweg und eine beispiellose Karriere im Interesse der Arbeitnehmerinteressen.


Fritz Böhm hatte ausgeprägte rhetorische Fähigkeiten, er war eine Kämpfernatur, er konnte überzeugen, mobilisieren und motivieren. Er hat dabei aber nie den Blick für die Realität verloren, sondern sein Handeln stets mit Augenmaß am Machbaren ausgerichtet. Er war kein bequemer Verhandlungspartner. Trotzdem wurde er von der Unternehmensleitung bis hin zu den Verantwortlichen im Konzern respektiert, anerkannt und geschätzt. Den Aufbau von betrieblichen Selbsthilfeeinrichtungen, etwa der betrieblichen Sterbegeld-Sammlungen, hat sich Fritz Böhm von Anfang an als zentrale Aufgabe gestellt.


Dazu kommt sein enormer Einsatz für die am meisten Benachteiligten in unserer Gesellschaft, die Behinderten. Ein großartiges Beispiel hat er gegeben, als er 1977 eine Spendenaktion der Audi-Belegschaft ins Leben rief, die seither, seit über 40 Jahren, alljährlich der karitativen Arbeit zugute kommt.


Fritz Böhm ist nicht nur für Arbeitnehmervertreter, sondern für alle arbeitenden Menschen ein Leitbild, das uns den Weg weist, auf dem soziales Engagement, hohe Verantwortungsbereitschaft und Streben nach einer besseren Arbeitswelt nicht nur Schlagworte sind.


Die SPD Ingolstadt hat deshalb anlässlich von Fritz Böhms 100. Geburtstag den Fritz-Böhm-Preis für Zivilcourage und soziale Gerechtigkeit ausgelobt.

Die Auszeichnung ist mit 2500 € dotiert und wird alle zwei Jahre vergeben. Das Geld ist für die Finanzierung der Aktivitäten zu verwenden, für welche die Preisträger ausgezeichnet werden.

Mit dem Preis würdigt die SPD Ingolstadt das Lebenswerk eines großen Sozialdemokraten und zeichnet gleichzeitig Menschen aus, die im Geiste Böhms mit ihrem Engagement zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen in Ingolstadt beitragen. Fritz Böhm ist mit seinem Einsatz für soziale Gerechtigkeit, Frieden, die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am gesellschaftlichen Leben, gegen Rassismus und Ausgrenzung bis zum heutigen Tag ein Vorbild. Dies bleibt er auch für künftige Generationen.


Die Jury hat sich als ersten Preisträger des Fritz-Böhm-Preises einstimmig ausgesprochen für das „Kunstzentrum Besondere Menschen“

Das Kunstzentrum wurde im Jahr 2010 von Maria Tietze gegründet. Sie ist Schauspielerin, Tänzerin und ausgebildete Heilerziehungspflegerin.


Am Anfang war es nur eine Idee und viel Enthusiasmus von 2 bis 3 Aktiven, die mit behinderten Kindern arbeiteten und sie an den Tanz heranführen wollten.

Die Idee war etwas völlig Neues, denn so etwas gab es so vorher in Ingolstadt noch nicht. Es galt Kontakte zu behinderten Menschen zu knüpfen, Eltern zu überzeugen, die ihre Kinder auch zum Üben bringen, Räumlichkeiten ausfindig zu machen und Konzepte zu erarbeiten.

Nach 10 Jahren ist nunmehr etwas Großes zusammengewachsen. Mittlerweile werden bis zu 60 Kinder in verschiedenen Altersgruppen in unterschiedlichen künstlerischen Bereichen, wie Musik, Tanz, Malerei und Theater von 8 Künstlern unterrichtet.


Das Besondere daran ist, dass die Kinder nicht nur beschäftigt werden, sondern dass sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten gefördert und gefordert werden und sie etwas leisten, was ihnen so keiner zugetraut hätte.

Gerade wenn Ausdrucksmöglichkeiten aufgrund von Behinderungen eingeschränkt sind, z.B. auf verbaler Ebene, erweist sich die künstlerische Betätigung als hervorragendes Mittel zur Kontaktaufnahme und Interaktion. Es entstehen kreative Prozesse und Entwicklungen von künstlerischer Leistung, die geprägt sind von den besonderen Fähigkeiten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer.


Das Kunstzentrum Besondere Menschen legt wert darauf, dass die Kinder ihre Arbeit und ihr künstlerisches Schaffen auch der breiten Öffentlichkeit vorstellen. Und da gibt es auf einmal keinen Unterschied mehr zu anderen Künstlern: die Kinder sind mit Eifer bei den Proben dabei, sehr aufgeregt vor dem Auftritt und dann unendlich stolz, wenn es Applaus und Anerkennung gibt.

Die Kunst, die Frau Tietze mit ihrem Team und mit den Kindern präsentiert, ist einzigartig, berührend und trägt in einer außergewöhnlichen Form zur Inklusion bei. Dabei profitieren alle, die Zuschauer und die besonderen Kinder.


Das Kunstzentrum Besondere Menschen macht diese Arbeit auch über die Ländergrenzen hinweg bekannt und hat dafür das Projekt "around the world" ins Leben gerufen. Es läuft über mehrere Jahre und soll den interessierten Kindern auch Auftritte und Workshops in fremden Ländern ermöglichen. Das Kunstzentrum Besondere Menschen wird so zu einem einzigartigen Botschafter Ingolstadts in der Welt. So waren Vertreter bereits im Vatikan zu Gast im Rahmen einer inklusiven Performance aus bildender Kunst, Tanz und Musik oder stellten ihre Arbeit Sozialarbeitern in Russland vor.


Gut 10 Jahre nach Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention ist die Inklusion noch immer ein Ziel, das wir konsequent und umfassend verfolgen müssen. Menschen mit Beeinträchtigungen müssen in allen Lebensbereichen und an allen Angeboten gleichberechtigt teilnehmen können. Dazu bedarf es des Abbaus von baulichen Barrieren ebenso wie des Einreissens der Barrieren in Strukturen und Haltungen. Jeder gehört dazu, beim Arbeiten, Wohnen oder in der Freizeit. Das ist das Ziel der Inklusion.


Die größten Barrieren sind oft die in unseren Köpfen. Jeder von uns hat Vorurteile und manchmal Berührungsängste. Die müssen wir Stück für Stück kleiner bekommen. Dann wird Inklusion gelebt. Ich bin begeistert, welch tollen Beitrag das Kunstzentrum Besondere Menschen für diese Zielsetzung leistet.


Die Arbeit des Kunstzentrum Besondere Menschen wäre deshalb ganz im Sinne von Fritz Böhm gewesen, dessen Leben geprägt war von seinem Einsatz für soziale Gerechtigkeit und der wichtige Impulse für die gleichberechtigte Teilhabe von Behinderten am gesellschaftlichen Leben gegeben hat, die bis in die heutige Zeit hineinwirken. Das Kunstzentrum Besondere Menschen ist deshalb ein würdiger Preisträger der ersten Verleihung des Fritz-Böhm-Preises durch die SPD Ingolstadt.


Ich danke dem gesamten Team des Kunstzentrums Besondere Menschen für ihr wertvolles Engagement im Dienste der Menschen.


Meine herzlichsten Glückwünsche zur heutigen Verleihung des Fritz-Böhm-Preises.


Vielen Dank!

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